Startseite Ratgeber Der Handy-Experte „Überholen ohne einzuholen“ – Apples Zaudern weckt Begehrlichkeiten.

„Überholen ohne einzuholen“ – Apples Zaudern weckt Begehrlichkeiten.

Android bedroht Apple
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Es ist immer ein guter Indikator für echte Innovation, wenn es ein Unternehmen schafft, Werbung in Nachrichten zu verwandeln. Nur wenige Unternehmen haben sich jemals so gut auf diese Kunst verstanden wie Apple. Vor allem darum wird auch Steve Jobs in späteren Zeiten wohl weniger als Geschäftsmann in Erinnerung bleiben, sondern eher in einer Reihe mit Technikvisionären wie James Watt, Thomas Edison oder Carl Benz genannt werden. Anders als die zuvor genannten war Jobs kein Techniker, dafür besaß er etwas anderes: Instinkt. Und die Möglichkeit, eine Idee mit den Mitteln der Neuzeit zu perfektionieren um sie global zu vermarkten. Kein Wunder also, dass sich immer deutlicher abzeichnet wie wichtig der Visionär Jobs für das von ihm geschaffene Unternehmen war: Stagnierende Umsätze und eine scheinbar zaudernde Konzernspitze kratzen allmählich am einst makellosen Image des Tech-Pioniers.

War da was?

Der Vollständigkeit halber: Apples Umsätze gingen in drei aufeinanderfolgenden Quartalen zurück – das gab es zuletzt im Jahr 2001! Einst überzeugte Verfechter des Cupertino-Konzerns beruhigen sich derweil selbst mit der Aussicht auf das iPhone 8. Das iPhone 8! Das kann man sich mal wirklich auf der Zunge zergehen lassen – das iPhone 7 ist gerade seit zwei Monaten auf dem Markt, und Beobachter verweisen hoffnungsfroh auf das nächstjährige Topmodell.

Vom Erfolg gelähmt?

Mit der Ursachenforschung ist es immer so eine Sache. Der Zugang zu externen Auslösern ist leichter zu bekommen, interne Prozesse aber sind meist relevanter. Damit hatte schon Schrödinger zu kämpfen. Nichtsdestotrotz, es gibt ja durchaus offensichtliche Fakten, die zur Interpretation einladen.

iPhone von 2007
Von Anfang an einträglich: Das iPhone (hier die erste Version von 2007)

Der wichtigste ist: Geld. Apple ist und bleibt eine Cash Cow. Rund 90 Prozent der weltweit überhaupt mit Smartphones erwirtschafteten Gewinne fließen nach Cupertino. 90 Prozent! Nach Rechenmodellen der Analysten schlägt sich der Reingewinn des i-Konzerns für das zurückliegende Quartal mit absurd anmutenden 103,6 Prozent im Vergleich mit der weltweiten Smartphone-Industrie insgesamt nieder – weil andere Hersteller im gleichen Zeitraum mehr Geld verloren haben als sie einnahmen. Und das mit einem globalen Marktanteil von gerademal 12,1 Prozent!

Seit 2012 gab es kein Bilanzjahr mehr, in dem Apple unter 30 Milliarden US-Dollar Reingewinn erwirtschaftet hätte. Apple ist also noch längst nicht in schwerem Fahrwasser, vielleicht sogar gerade deswegen blicken Kunden und Investoren jedoch zunehmend skeptisch auf den Marktriesen. Dennoch muss sich Apple-CEO Tim Cook unangenehmen Fragen stellen. Vergleichsweise uninspiriert wirkten die Neuveröffentlichungen der vergangenen Jahre. Das iPad hat seinen Nimbus lange eingebüßt, und während das iPad Mini als ungeliebter Hybrid durch den Markt taumelt, erregte Apple mit seiner Watch zunächst allenfalls Schulterzucken. Der große Wurf war leider auch sie nicht.

Tim Cook
Unter Druck: Apple-CEO Tim Cook.

Das iPhone wird vom Segen zum Fluch

Der ausbleibende Erfolg verdammt Apple zur Konstanz – dazu, den Kunden zu geben, was sie erwarten. Denn Revolution bedeutet Risiko – und daran haben noch vor den Kunden vor allem Investoren kein Interesse.

Für sie zählen allein zwei Dinge: Der Aktienkurs und die Dividendenrendite: Also der Unternehmenswert, an dem sie direkt partizipieren und die Gewinnausschüttung, die sich aus dem Gewinn eines Unternehmens ergibt. Solange der Kurs steigt und die Dividenden sprudeln, ist alles in Ordnung. Doch während Apple auf gewaltigen Geldreserven sitzt und das Unternehmen solide Gewinne einfährt, dümpelt der Aktienkurs seit anderthalb Jahren auf hohem Niveau vor sich hin, während der Hauptmarktperiode des Vorjahresflaggschiffs 6s ging es sogar monatelang lediglich bergab. Nun bestehen Aktienkurse vor allem aus einem sehr volatilen Stoff: Fantasie. Der Kurs eines Unternehmens repräsentiert nur zum geringeren Teil die tatsächliche Substanz eines Unternehmens. Vorrangig preist er das Zutrauen der Anteilseigner in die Zukunftsfähigkeit eines Konzerns ein. Sinken die Kurse, sinkt das Vertrauen. Sinkt das Vertrauen, sinken die Kurse. Eine Spirale, in der Unternehmenspolitik ähnlich funktioniert wie Fußball: Fans und Funktionäre verlangen erst Konstanz, um am Ende den Trainer auszuwechseln. Eine Zwickmühle für Cook – der derzeit margenschwächere Geräte aussortiert um Einnahmen zu sichern und mit den Gerüchten um ein bahnbrechendes iPhone 8 wahrscheinlich gut leben kann. Bis dahin dürfen sich Aktionäre vermutlich auf wieder einmal steigende Dividenden freuen.

Konkurrenten wittern Morgenluft

Ebenso gut ist möglich, dass wir uns an der Schwelle zu echten Turbulenzen befinden. Apple muss auf Teufel komm raus den Geist früherer Zeiten beschwören, als Neuvorstellungen noch wie Messen einer verschworenen Glaubensgemeinschaft begangen wurden – mit Geräten, die einen Blick in eine gerade erst erahnbare Zukunft wiesen.

Denn bekanntlich schläft sie nicht, die Konkurrenz – die Android-Gerätebauer dieser Welt reiben sich die Hände, seit Samsungs Galaxy Note 7 erst in Flammen aufging und anschließend in der Versenkung verschwand. Eines haben Konzernlenker in Shenzen und Shanghai bereits von Apple gelernt – wie man eine Präsentation nutzt, um die eigenen Ansprüche zu unterstreichen.

Steve Jobs
Bedrohtes Erbe - Seit dem Tod von Steve Jobs fehlt es Apple scheinbar an Gespür

Huawai-CEO Richard Yu blies im Rahmen der Vorstellung des neuen Mate 9 schon zum Angriff – auf Apple, wohlgemerkt. In nur zwei Jahren will das chinesische Großunternehmen den einstigen Branchenvorreiter auf Platz drei verweisen. Was verwegen klingt, könnte am Ende aufgehen. Denn während hierzulande iPhone- und Galaxy-Modelle immer noch marktbestimmend sind, ist der wichtige asiatische Markt weitaus offener für andere Marken. Mit dem Huawei P9, dem dazugehörigen Lite-Ableger, dem P9 Plus und dem neu erschienenen Mate 9 hat sich Huawei außerdem immer näher an die Technologieführer der Branche herangeschoben. Davon spricht auf das jüngste Update der Stiftung Warentest Bände. Immerhin zwei Geräte des China-Konzerns haben es in die Top-Ten geschafft.

Weihnachten ist die Wahrheit

Apple kann entspannt auf das Weihnachtsgeschäft blicken – Großkonkurrent Samsung hat genug damit zu tun, den Note-7-Eklat zu verdauen, während Galaxy S7 und S7 Edge Ende Dezember kurz vor der Ablösung stehen werden. Gelingt es Apple, hier den Rahm abzuschöpfen, gewinnt Tim Cook wertvolle Zeit, sich wieder für eine Vorreiterposition in Stellung zu bringen.
Entdecken Käufer aus dem Samsung-Universum jedoch, dass Android auch andere schöne Töchter hat und lassen das iPhone 7 links liegen, dürfte es schwierig für den Jobs-Nachfolger werden. Denn 2017 wird der Kuchen neu verteilt. Und ist erstmal das Galaxy S8 auf dem Markt, sieht auch schon wieder alles anders aus.

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