Startseite Entertainment Nur nach Hause – Amazon startet Spotify-Konkurrenten und plant eigene Ladenkette

Nur nach Hause – Amazon startet Spotify-Konkurrenten und plant eigene Ladenkette

Amazon Echo
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Zwei Dinge sind für den Fortbestand einer harmonischen Beziehung ausschlaggebend: Vertrauen und Präsenz. Kein Wunder also, dass Online-Riese Amazon mit Hochdruck daran arbeitet, unsere Beziehung weiter zu vertiefen. Denn Shopping macht glücklich – und zwar den Verkäufer mindestens ebenso wie den Käufer. Zeit für den nächsten Schritt: Der Marktriese baut sein Audio-Angebot kräftig aus – und sorgt außerdem für ein reales Einkaufserlebnis – mit eigenen Ladengeschäften. Amazon zum anfassen.

Der Mensch war ein Jäger und Sammler. Also früher mal. Heute ist der Mensch zivilisiert. Na gut, keine Pauschalurteile. Evolution ist schließlich ein Langzeitprojekt.
Lang lebe der Impuls! Ein Hoch auf die Bequemlichkeit! Beide Wesenszüge sind schließlich zutiefst menschlich. Seit beinahe zwanzig Jahren profitiert eine ganze Branche von ihnen, ja gründet sich gewissermaßen auf unsere kleinen Schwächen.
Online-Shopping bedient unsere unmittelbaren Bedürfnisse mit wachsender Effektivität – und zwar in einem Maß, von dem Quelle, Neckermann und Co. nie auch nur zur träumen gewagt hätten. Die wohlig-warme Welt telefonbuchstarker Warenwälzer, der Bestellkarten, Warennummern, Briefmarken und vor allem – der Geduld; so war Versandhandel im zwanzigsten Jahrhundert. Man schrieb der Oma, und man bestellte bei Quelle. Dauerte beides ungefähr gleich lang und fühlte sich auch ähnlich an.

Quelle Katalog
Die gute, alte Zeit: Warenanzeige ganz ohne Browser.

Demgegenüber: Online. Versand plus Geschwindigkeit. Heute bestellt – zack, morgen da! Das musste zum Tod der Katalogdinosaurier führen. In Ballungsgebieten geht’s mittlerweile noch schneller, gegen Aufpreis kommt die Bestellung am selben Tag ins traute Heim.
Der Traum der Steinzeitmenschen, Antilope frei Haus, ganz ohne Stress und Energieverbrauch – er ist endlich Wirklichkeit geworden.

Nun ist der Mensch nicht nur reizgesteuerte Impulsmaschine, er ist auch Gewohnheitstier. Online-Shopping, schön und gut. Aber vom Sofa aufstehen? Ach nee…
In den Nullerjahren blieb es dann auch einfach mal dabei. Was Du heute kannst besorgen, verschiebe gern auf morgen. Das Sofa ist so schön, mein iPod tut’s ja auch. Kennen wir alle.
Aber Technik macht Fortschritte. Immer. Entweder weil die Nachfrage es verlangt oder weil ein Angebot durch sie attraktiver wird. In letztere Kategorie gehört, zumindest noch heute, der Bereich Heimautomatisierung; das „Internet of Things“.

Amazon hörbar
Schlicht, schick, präsent: Amazons mobile Kommandostation "Amazon Echo".

Kräftiges Upgrade für Amazon Prime Music

Ganz so „things“ ist das moderne Leben ja noch nicht. Doch sie halten Einzug, die unmerklichen Begleiter des Informationszeitalters. Amazon positioniert sich auf dem vielversprechenden Digitalmarkt mit seinem neuen Heimakustiker „Amazon Echo“, einer Frage-und-Antwort-Kommandostation mit Musikzugang.
„Na und?“ fragt der geneigte Spotify-Kunde? Und Amazons Antwort lautet: „Amazon Music Unlimited“. Amazons neuer Streaming-Service startet heute in den USA und soll noch vor Jahresende u.a. auch in Deutschland verfügbar sein. Der Unterschied zum bestehenden Musikangebot? Recht deutlich: Denn gegenüber Prime Music wird „Unlimited“ nochmal deutlich aufgebohrt. Für rund 8 $ im Monat erweitert der audiophile Endkunde sein Track-Portfolio von bis dato rund 2 Millionen verfügbaren Songs auf zig Millionen Stücke.

“tens of millions of songs and thousands of hand-curated playlists and personalized stations,” verspricht Amazon seinen Kunden.

In Verbindung mit Amazons KI „Alexa“ erwartet experimentierfreudige Kunden ein einmaliges Audio-Erlebnis einer lernfähigen DJane – die nicht nur mit eindeutigen Eingaben und Gewohnheiten umgehen kann, sondern auch in der Lage ist, eigenständig Empfehlungen auf der Grundlage bisheriger Hörlisten zu unterbreiten. Die wahre Qualität des Audio-Eingabedienstes zeigt sich aber vor allem in Alexas Erkennungsfähigkeit – ähnlich wie Apps á la Shazam wird Alexa auch mit kryptischen Textpassagen umgehen können und Titel vorschlagen, die am besten zur vorgesprochenen Strophe passen.

Die Idee dahinter: Amazon will noch mehr Kunden vom Mehrwert seiner „Echo“-Familie überzeugen. Gut vorstellbar auch, dass die -nur logische- Verquickung hauseigener Hardware mit einem eigenen Streaming-Angebot auch als Testballon für weitere Dienste dient. Preislich wird sich Amazon direkt an der etablierten Konkurrenz orientieren. Kunden, die bereits ein Amazon Echo oder ein anderes Produkt aus der Gerätefamilie besitzen, zahlen lediglich 4 $ für einen Account, Prime-Kunden sind mit rund 8 $ dabei. Alle anderen können sich für 10 $ / Monat ins digitale Hörvergnügen stürzen.

Amazon Fresh
Frisch nach Hause - Lieferwagen vom Online-Lieferanten.

Amazon endlich greifbar

Katze aus dem Sack: Amazon plant offenbar eigene Ladengeschäfte. Dabei dürfte ein Hybrid aus Point of Sale, Abholstation und Service-Center herauskommen. Wir hätten beide Meldungen auch einfach trennen können. Doch nicht von ungefähr erreichen uns beide Mitteilungen praktisch zeitgleich – denn Amazon fährt eine parallele Strategie – mit stationären Geschäften für die Bedürfnisse des täglichen Lebens.
Amazons Lebensmittel-Lieferservice „Amazon Fresh“ ist bislang lediglich in den USA und London ausgerollt worden. Immerhin: Zuletzt hatte es im Mai Berichte gegeben, nach denen Amazon plane, „Amazon Fresh“ noch im Jahr 2016 auch in Berlin zu erproben. Eine offizielle Bestätigung für diese Absicht liegt jedoch bislang nicht vor.

Die idee stationärer Einzelhandelspunkte wäre also eine weitere Ergänzung des ursprünglich reinen Online-Angebots durch eine Entsprechung in der „realen“ Welt. Hier soll es verderbliche Lebensmittel wie Milch, Fleisch oder Gemüse auch im Direktverkauf geben, während haltbare Produkte außerdem zusätzlich auf dem üblichen Wege per PC oder Smartphone vorgeordert werden können.

Spannend: Amazon plant gut informierten Quellen zufolge, mit einem Drive-In-System Kunden lästige Wartezeiten zu ersparen – dazu arbeitet der Shoppingriese dem Vernehmen nach an einer automatisierten Nummernschilderkennung.

Erleben wir nun nach dem Niedergang des Einzelhandels die Rückkehr der Präsenzmärkte? Spannend bleibt es, denn während die „Old Economy“ sich lange schwer tat mit den „neuen Medien“, wie man im Neunziger-Sprech so sagte, beeilen sich Online-Konzerne vermehrt um Konzepte für die analoge Welt. Vom Elektro-Auto (Apple, Google) über Heimautomatisierung (NEST/Google usw.) bis eben nun hin zum örtlichen Warenabnahmepunkt.

Am Ende scheinen digitale und analoge Welt eben doch wieder zusammenzuwachsen. Eigentlich ja doch ganz schön.

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