Startseite Ratgeber Sicher unterwegs Für eine Handvoll Dollar – Warum WhatsApp uns mehr kostet als wir glauben.

Für eine Handvoll Dollar – Warum WhatsApp uns mehr kostet als wir glauben.

WhatsApp
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Eine Milliarde. Eine Milliarde Nutzer vereint WhatsApp derzeit unter seinem digitalen Dach. Eine gewaltige Zahl. Eine intuitive Nutzeroberfläche, zuverlässige Server und Gratiskultur machten die Chat-App zum erfolgreichsten Messenger aller Zeiten. Doch was nichts kostet, ist nicht zwingend gratis. Unsere Einschätzung zur Datensammelwut des Messenger-Riesen. 

Es ist noch gar nicht lange her, da war Mobilfunk noch ganz schön Neunziger; trotz iPhone und Android. Flatrate stand für Druckbetankung in der Großraumdisco, und telefoniert wurde im Abrechnungstakt. Die Welt schrieb SMS, und alles war in schönster, alter Ordnung.
In diese Welt stieß 2009 der heutige Überall-Messenger WhatsApp wie mit einer heißen Klinge: Wozu teure SMS versenden, wenn Nachrichten mit WhatsApp de facto kostenlos sind? 99 Cent kostete die Installation anfangs – ein Witz verglichen mit 100-SMS-gratis-Tarifen der damaligen Zeit. Nur drei Jahre dauerte es, und WhatsApp überholte die SMS. Täglich 17,6 Milliarden SMS standen schon 2012 19,1 Milliarden WhatsApp-Nachrichten gegenüber. Und es werden seither immer mehr.

SMS verschicken mit dem Handy
Long, long time ago... früher war manches einfach einfacher. Zum Beispiel SMS verschicken.

Schöpferische Zerstörung

Der Rest ist Statistik. Über eine Milliarde Nutzer weltweit setzen im Jahr 2016 auf den grünen Nachrichtensender mit den blauen Häkchen. WhatsApp verdrängte nicht nur die SMS, sondern verhalf auch dem Flatrate-Prinzip gleich mit zum Durchbruch. Denn WhatsApp entzog dem lange einträglichen Provider-Geschäft mit den 140 Zeichen die Grundlage.

Für etwas, das es gratis gibt, zahlt niemand.
Und dennoch: Die Erfolgsgeschichte von WhatsApp ist auch eine Geschichte über die Reise vom Silicon Valley zur Wall Street. In Zeiten digitalen Marketings ist Reichweite eine eigene Währung, und eine mit hohem Wechselkurs.  2014 übernahm Facebook WhatsApp, für einen Kaufpreis von spendablen neunzehn Milliarden Dollar. Die WhatsApp-Gründer Brian Acton und Jan Koum, hatten ausgesorgt, und hunderte Millionen von WhatsApp-Nutzern wurden unversehens zu Facebook-Kunden.

Mark Zuckerberg
Facebook-CEO Mark Zuckerberg: Kluger Kopf mit manchmal schwierigen Ideen.

Strategisch klug versprachen Facebook-Chef Zuckerberg und WhatsApp-Gründer Koum sogleich, behutsam mit dem sensiblen Datenschatz umzugehen. Kein Austausch sollte zwischen beiden Plattform stattfinden. Wie sagte man doch so schön in früheren Zeiten? „Honi soit qui mal y pense“: Ein Narr, wer daran zweifelt.

Facebook schafft Fakten

Denn Vertrauen ist gut, aber wisst ja, wie der mit der Kontrolle ist… In puncto Datenschutz war WhatsApp nie ein Musterknabe. Ob der Messenger genauso erfolgreich gewesen wäre, wenn bekannt gewesen wäre, dass schon 2012 ein Hacker eine Seite ins Netz gestellt hatte, auf der man den Status eines Nutzers ändern konnte, wenn man nur dessen Nummer kannte? Oder dass es nur wenig Aufwand erforderte, um unter fremdem Namen Nachrichten zu verschicken? Oder wenn irgendjemand ernsthaft über die Tatsache nachgedacht hätte, was es bedeutet, dass WhatsApp bis ins Jahr 2014 Telefonnummern unverschlüsselt durchs Netz schickte? Und last, but not least: Dass US-Behörden wahrscheinlich bis heute WhatsApp-Nachrichten mitlesen können? Müßig, hier weiterzubohren.

Klar ist, dass Facebook-Boss Marc Zuckerberg WhatsApp mit der festen Absicht erwarb, eine teure Investition in ein lohnendes Geschäft zu verwandeln. Zwei Jahre Schonfrist, Bedenkzeit, Gewöhnung blieb WhatsApp-Nutzern weltweit, um sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, dass ihr Alltags-Messenger nun zur Facebook-Familie gehört.

Wie aus Daten Dividenden werden

Und was WhatsAppern noch 2014 rosig präsentiert worden war, sollte sich im August 2016 als reichlich dorniges Geschenk enpuppen: Mit einer neuen Datenschutzerklärung für WhatsApp legte Facebook die Karten auf den Tisch. Fortan sollen WhatsApp-Nutzer dem sozialen Übernetzwerk ihre Daten überlassen: Adressbuch, Statusdaten und vor allem die eigene Telefonnummer sollten fortan dazu beitragen, sauber aggregierte Datenbestände aufzubauen, ein übliches Verfahren, um Chat-Nutzer in vermarktbare Zielgruppen zu verwandeln. Wer ablehnte, sollte nicht mehr mitspielen dürfen. Vulgo: Ausschluss aus dem WhatsApp-Kosmos.
Vor allem auf die Telefonnummern der WhatsApp-User hatte es Facebook abgesehen, und zwar auch auf die Nummern, all derjenigen, die zwar WhatsApp nutzen, aber kein Facebook-Konto haben. Auch Facebook-Verweigerer sollten sich also gefälligst transparent machen, auf dass ihnen Facebook-Geschäftspartner beizeiten passgenaue Werbung zuspielen konnten.

Warum der Datenhunger nur zu selbstverständlich ist

Für Facebook ist die Sache klar: Nur Daten, die sich verkaufen lassen, sind gute Daten. Und nur konkrete Daten sind gute Daten. Je konkreter, desto besser. Am besten unmittelbar. Denn ein beliebiges Nutzerkonto bei welchem Dienst auch immer ist schnell angelegt, und seine Authentizität von der Aufrichtigkeit des Nutzers abhängig. Anders hingegen verhält es sich mit der Telefonnummer. Sie ist eine Art Personennummernschild, vertraglich verifizierbar und per Tagging obendrein lokalisierbar. Lassen sich Nutzerdaten und Telefonnummern erst miteinander verknüpfen, entsteht der digitale Umriss eines Alltagsschemas. Und es braucht nicht viel mehr als ein gut sortiertes Algorithmen-Einsmaleins, um Interessen, regelmäßige Aufenthaltsorte und persönlichen Tagesrhythmen daraus abzuleiten.

Zuckerberg und Peitsche – Wer liest eigentlich was?

WhatsApp fährt eine zweigleisige Datenstrategie. Einerseits wirbt der Weltmessenger mit einer eigens in diesem Jahr eingeführten Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und ist nach eigenem Bekunden nicht länger überhaupt in der Lage, Inhalte von Nachrichten mitzulesen.

Facebook
Die WhatsApp-Übermutter: Facebook

Anderseits: Allein die gewonnenen Metadaten eines Nutzers sind ungleich wertvoller für den Social-Media-Riesen, der in erster Linie davon lebt, Unternehmenskunden passende Zielgruppen zu verkaufen. Denn darum geht es: Den Zuschnitt großer Nutzerzahlen als überschneidende und gut verkäufliche Fokusgruppen. Und die Frage stellt sich, ob es moralisch einwandfrei ist uns alle auf der Grundlage oberflächlicher Meta-Daten zu scoren, das gilt übrigens nicht nur für Facebook.
Mindestens genauso heikel ist übrigens ein ganz anderer, nämlich der technische Aspekt: Sämtliche Daten, die wir bereitstellen, werden auf in den USA befindliche Server übertragen. Und Unternehmen in den USA können auf der Grundlage des sog. Patriot Act aus dem Jahr 2001 dazu verpflichtet werden, beliebige Kundendaten an US-Behörden auszuliefern. Wir wiederholen das: Beliebige Kundendaten. Eine Aussicht, auf die auch „ich hab nichts zu verbergen“ keine adäquate Antwort darstellt. Denn der Schritt von der Unschuldsvermutung zur Dauerüberwachung ist nur ein kurzer. Und die Aussicht auf Ernennung des „Full-Take“-Apologeten Mike Pompeo zum künftigen CIA-Chef ist ebenfalls kaum dazu angetan, das Misstrauen der Facebook-Kritiker zu entschärfen.

Spielverderber Datenschutz

Darum hatte es die WhatsApp-Datenschutzrichtlinie in sich: Sie war und ist nach Ansicht von Experten nicht mit deutschem Datenschutzrecht vereinbar. Warum? Weil die Weitergabe von Adressdaten unserer Bekannten nach deutschem Recht von vornherein unzulässig ist. Weil es nicht ausreicht, wenn WhatsApp eine Erlaubnis erzwingt, während Facebook nur darauf wartet, den warmen Datenregen auf sich niedergehen zu lassen.

Es war also ebenso konsequent wie vernünftig, dass der für Facebook in Deutschland zuständige Hamburger Datenschutzbeauftrage der neuen Richtlinie einen Riegel vorschob. Formal, weil Facebook selbst die Zustimmung der WhatsApp-Nutzer zur Datenübermittlung hätte einholen müssen. Moralisch, weil die Wahl, sich in das Unvermeidliche zu fügen oder auf eine digitale Grundversorgung zu verzichten, keine Grundlage für eine Geschäftsbeziehung zwischen Unternehmen und Verbrauchern sein kann. Facebook musste einsehen, dass es seine öffentliche Position nicht durchhalten konnte und erklärte Anfang des Monats, bis auf Weiteres auf die Datenweitergabe durch WhatsApp zu verzichten – wohlgemerkt nur bis auf Weiteres. Wie sich die Dinge in Zukunft entwickeln, hängt auch davon ab, ob Facebook lediglich eine weitere Pause einlegt, um seinen Datenappetit bei der nächsten Gelegenheit doch zu stillen.

Was können wir eigentlich tun?

Die Liste der Alternativen ist lang, doch seien wir ehrlich: Unsere Möglichkeiten sind beschränkt. Ob Telegram, Threema oder der Snowden-Messenger Signal, sie alle eint ein Makel: Mangelnde Reichweite. Wer sich heute aus dem WhatsApp-Facbook-Universum verabschiedet, tut das im Zweifel bewusst – mit einem Schritt ins relative digitale Abseits. Zu gering sind die Nutzerzahlen der Alternativen, zu verlockend die Aussicht, mit Freunden und Geschäftspartnern weiterhin auf die Schnelle zu kommunizieren. Die Wahrheit ist: Wir zahlen einen Preis für die digitale Vernetzung – doch es gibt Mittel, gierigen Datenaufbereitern die Arbeit so kompliziert wie möglich zu machen.

  1. Datensparsamkeit

Wer viel preisgibt, macht es Neugierigen einfach. Datensparsamkeit lautet das Zauberwort – nicht alles, was wir mitteilen wollen, müssen wir digital kommunizieren. Nicht alles, was wir sind, müssen wir überall einstellen. Zurückhaltung hat außerdem den Vorteil, dass wir auch immer noch etwas über uns selbst zu erzählen haben

  1. SMS schreiben

Klingt retro, hat aber Vorteile: SMS sind heute faktisch kostenlos, eine SMS-Flatrate gehört mittlerweile zum guten Ton jedes Einsteigertarifs. Und sie haben absolut nichts mit WhatsApp oder Facebook zu tun. Dennoch: Die SMS wird qua Gesetz von der Vorratsdatenspeicherung erfasst. Und zwar im Volltext.

  1. Telefonieren

Auch ein Telefongespräch umschifft die heikle Datenklippe nur teilweise, immerhin – Facebook ist außen vor. Und ein persönliches Gespräch ist für das tägliche Miteinander auch bedeutend wertvoller.

  1. Alternative Messenger

Bereits erwähnt: Es gibt durchaus Alternativen, etwas vom Schweizer Anbieter Threema oder den Messenger Telegram. Whistleblower Edward Snowden empfiehlt die Nachrichten-App Signal, die neben verschlüsselten Textnachrichten auch Telefongesprächen sicher übermittelt. Unsere Einschätzung zum Datenschutz-Messenger findet ihr hier.

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