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Schluss mit Steinzeit! Weg mit den Taschenrechnern!

Taschenrechner
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Traurig aber wahr – die Schule ist wahrlich kein Hort der Modernisierung. Jüngster Streich des Anstoßes: Das „Taschenrechnerkartell“ – jedenfalls wenn es nach Tim Gerber von der c’t geht. Ganz Unrecht hat er nicht: De facto zwei Hersteller teilen sich den deutschen Markt. Dabei würden andere Geräte denselben Zweck erfüllen – aber wäre dann alles anders? Ein Kommentar.

Tim Gerber, Redakteur beim Elektronik-Fachmagazin C’T ist offenkundig ein pragmatischer Mensch. Nicht umsonst ist er beim wichtigsten deutschen Tech-Magazin zuständig für alles, was der interessierte Leser selbst so löten, schrauben und selber machen kann. Kein Wunder, dass ihn Steinzeit-Technik stört, vor allem wenn sie teuer ist. Schon 2015 staunte er nicht schlecht, als seine Tochter einen Taschenrechner von Hersteller Texas Instruments für den Unterricht anschaffen sollte. Irgendwo zwischen Nostalgie und Unglaube gefangen, hielt er das technische Meisterwerk in Händen und entsann sich alter BASIC-Befehle; die einzige Sprache, die das Rechenwerk mit den dreifach belegten Tasten versteht. Gerber störte schon damals der steinzeitlich anmutende Stand der verbauten Technik – heute irritiert ihn die kartellartige Verbreitung eines Produkts, das aller Funktionsarmut zum Trotz für mehr als 100€ über die Ladentheke geht. Und das selbst bei Bestellung als Klassensatz.

Klare Fronten seit über 20 Jahren

Taschenrechner von Texas Instruments und Casio liegen wahrscheinlich zu Hunderttausenden in Schultaschen und zwischen Jugendzimmersofakissen, oder sie fristen ein Dasein als vergessene Hinterlassenschaft eines längst abgeschlossenen Lebensabschnitts. Der Autor selbst war stolzer Besitzer von Geräten beider Marken und weiß wovon Gerber spricht. Tatsächlich entsprang die Auswahl auch schon in den Neunzigerjahren vorrangig der persönlichen Neigung des jeweiligen Mathelehrers und nicht so sehr Nützlichkeitserwägungen oder gar der Preisgestaltung.
Tee oder Kaffee. Wurst oder Käse. Casio oder Texas Instruments.

Texas Instruments
Einer der Big Player im Geschäft mit Steinzeitelektronik: Texas Instruments

Schlimm eigentlich. Denn seit den Neunzigern hat sich -im Gegensatz zu so ziemlich jedem anderen Elektronik-Marktsegment- nicht allzu viel getan. Ein Beispiel: TI-84 Plus und auch TI-84 Plus C, Geräte, die den CT-Autor zur Verzweiflung treiben, sind so etwas wie der VW Golf unter den Schultaschenrechnern. Beide Modelle sind Rechner mit grafikfähigem Display. Sprich, neben Ziffern und Formeln können Sie auch veritable Kurven darstellen, das C-Modell sogar in Farbe! Mit dem befindet sich Texas Instruments in puncto UX und Darstellung immerhin schon auf dem Stand der frühen 2000er. Stolze 320 × 240 Pixel liefert das verbaute Display. Richtig bunt wird’s allerdings unter der Haube; da schlägt ein noch deutlich älteres Herz: Technologisch ist der 2004 erschienene TI-84 Plus praktisch identisch mit dem Urgestein TI 81 aus dem Jahr 1990. Einziger Unterschied: Der bahnbrechende Prozessor vom Typ Zilog Z80 taktet mittlerweile mit 15 MHz, vor 27 Jahren waren es gerade mal sechs.

Immer wieder: Neukauf statt Umstieg

Casio
Du warst mal cool, als Du eine Casio hattest. In den Achtzigern.

Natürlich, ein Taschenrechner ist und bleibt ein Taschenrechner. Wozu neue Hardware, wenn sich am Anwendungsfall sozusagen „durch die Bank“ nichts ändert? Aber warum müssen immer neue Generationen von Schülern die immer gleiche Alt-Elektronik kaufen, wenn in jeder Hosentasche Geräte schlummern, die ein Vielfaches dessen beherrschen, was Taschenrechner können?

Gut, für die Schule gelten im Zweifel andere Regeln als im Alltag, ein Smartphone scheint prädestiniert als digitaler Spickzettel; aber verfängt das Argument wirklich? Wenn Schüler statt Smartphone und Internet Formelsammlung und Taschenrechner verwenden dürfen – wo ist der Unterschied? Letztlich liegt die Antwort wohl eher bei der Wahl der richtigen Rechner-App, einem Programm, das notwendige Funktionen erfüllt, ohne die Herleitung des Ergebnisses vorwegzunehmen. Gerber beklagt mangelnde Flexibilität bei Schulen und Verwaltung, letztlich bei der Lehrerschaft selbst, die -vermutlich auch generationsbedingt- am Altgewohnten festhält. Am allerwenigsten interessiert an Veränderung sind dabei wohl die Hersteller. Für sie bedeutet der Absatz steinalter Hardware zum satten Pauschaltarif glänzende Einnahmen – krisensicher und ohne jeden Aufwand. Bei rund 8,4 Millionen Zwangskunden ein sauberes Geschäft.

Schluss mit dem Humbug!

Rechenmaschine
Hat auch mal gut funktioniert. Hat trotzdem nicht geholfen, Rechenmaschinen sind passé.

Der eigentliche Skandal ist unserer Ansicht nicht mal das Trägheitskartell – weit wichtiger ist tatsächlich der soziale Aspekt. Gerber liegt vollkommen richtig, wenn er es für unverantwortbar hält, Eltern satte Mehrkosten aufzubürden – für ein Gerät, dessen Existenzberechtigung vor spätestens zehn Jahren abgelaufen ist. Benachteiligt ist, wer mehr Kinder hat. Benachteiligt ist, wer arm ist. Das Smartphone ist eine gesellschaftliche Realität, spätestens auf dem Schulhof der Sekundarstufe. Das kann man verteufeln, ändern lässt es sich nicht.

Warum also nicht die Vorteile nutzen? Lasst die Kinder Smartphones nutzen, schafft unterrichtstaugliche Tablets an, programmiert mit Fördermitteln eine „Bundesrechner-App“!

Aber hört auf, Eltern für die Trägheit von Behörden zahlen zu lassen!

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