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Das (auto-)mobile Zeitalter – Android Auto kommt

Android Auto
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Vom Ergebnis zum Erlebnis: Werbung und Marketing haben uns seit langem an eine Form- und Materialsprache gewöhnt, die Ausstattung und Design mit Eigenschaften auflädt: Wahlweise familienfreundlich, komfortabel, agil, solide oder rasant sollen unsere Alltagsbegleiter idealerweise sein. Kaum ein anderes Produkt ist davon so stark betroffen wie das Auto. Kein Wunder also, dass sich Fahrzeughersteller ebenso gern als Hüter zuverlässiger Technik präsentieren wie als Speerspitze revolutionärer Innovation. Der nächste Schritt: Das Auto wird digital. Aber bis dahin war es ein eher holpriger Weg.

Mit dem Fortschritt ist es wie mit dem Konfuzianismus: Der Weg ist das Ziel. Und es gibt einiges zu tragen auf diesem Weg. Stolpersteine wie manipulierte Abgaswerte, suizidale Autopiloten oder selbstauslösende Lenkradschlösse passen zugegebenermaßen eher schlecht ins Bild, wenn es darum geht, neue Produkte an den Mann zu bringen. Aber bleiben wir fair – Fehler gibt es in jeder Branche, und die Zahl katastrophaler Unfälle durch Herstellerfehler ist gemessen an der schieren Zahl auf der Welt herumfahrender Autos (Stand 2014: Mehr als 1,2 Mrd.!) immer noch verblüffend gering.

Fehlerquelle Vielfalt?

Hauptursache technisch bedingter Ausfälle sind denn auch nicht mangelhafte Verarbeitung oder schlampige Konzepte. Vielmehr ist die größte Fehlerquelle moderner Autos auch ihr größter Vorteil: Variabilität. Moderne Autos sind beeindruckende Multifunktionsplattformen. Klimaanlage, ABS, Airbags, ESP, Heizung, Radio, Kühlfach, Massagesitze und Diebstahlschutz sind heute schon Grundausstattung. Darüber hinaus soll ein modernes Auto möglichst schadstoffarm sein und in höchster Vollendung künftig auch noch selbständig fahren können. Was für das Smartphone die App-Sammlung, ist für das Auto die Ausstattungslinie. Der Gedanke dahinter ist in beiden Fällen der gleiche: Wie bringe ich möglichst viele Funktionen in einem einzigen Gerät unter?

Cockpit

Clash of Cultures?

Was die Automobilindustrie in rund hundert Jahren zu größtmöglicher Vielfalt geführt hat, hat die Smartphone-Welt in atemberaubendem Tempo nachgestellt: Die Perfektionierung eines Ursprungszwecks durch immer weitere Zusatzfunktionen. Spätestens seit der Erfindung des Tablets üben beide Produktwelten eine geradezu unheimliche Anziehung aufeinander aus. Bereits 2015 hat Android-Mutterkonzern Google mit Android Auto seine fahrzeugtaugliche Variante des weltweit erfolgreichsten Betriebssystems auf die Beine gestellt – nicht zuletzt befeuert durch Gerüchte, Hauptkonkurrent Apple arbeite sogar an einem eigenen Auto, und die „Carplay“-Software aus Cupertino sei nur ein Vorgeschmack.
Auf der anderen Seite konnten sich Audi, BMW und Daimler gar nicht genug beeilen, den von Nokia entwickelten Kartendienst Here zu übernehmen – mit dem erklärten Ziel die digitalen Weichen für das selbstfahrende Auto zu stellen – ohne auf Kartenprimus Google angewiesen zu sein. Ein aus ihrer Sicht konsequenter Schritt. Denn gerade in klassischen Branchen wie dem Automobilbau gehört es bis heute zum guten Ton, Kontrolle über alle verbauten Systeme zu behalten – dazu gehört üblicherweise der Produktzyklus vom Lastenheft bis zum Entsorgungsplan. Kein Wunder also, dass sich altgediente Konzernlenker schwertun mit der Vorstellung, ein vollausgereiftes Produkt eines obendrein mächtigen Zweitherstellers in ihre Bordsysteme zu integrieren.
Google und Android ticken da kaum anders, die Herrscher des App-Universums sind es nicht gewohnt, auf Komponentenhersteller zugehen zu müssen – und ob ein Display mit Lautsprechern nun vier Räder hat oder nicht – aus Sicht der Softwaregiganten ist ein Auto in erster Linie eine Verbreitungsplattform.

Wie konnte es also gelingen, dass sich beide Seiten aufeinander zu bewegen?

Tesla

Das Beste aus zwei Welten

Dafür sind vor allem zwei Aspekte ausschlaggebend:

Schon das gute, alte Autotelefon zielte darauf ab Mobilität und Kommunikation zu verbinden. Android und iOS aber beherrschen heute Dinge, die weit darüber hinausgehen – und für die Automobilhersteller erst mühsam eigenes Knowhow aufbauen müssten: Stichwort Vernetzung. Stichwort Multitasking. Stichwort Apps.
Warum also langwierig mit Bedienkonzepten experimentieren, wenn es Lösungen gibt, die seit Jahren nicht nur bewährt, sondern auch beliebt sind? Wer die bisherigen Versuche der Fahrzeugwelt kennt, eigene Plattformen mit Touchscreens und Bedienelementen in die Bedienkonsole zu integrieren, wird zum regelrechten Tasten-Nostalgiker. Hakelige Nutzerführung, schlecht reagierende Displays, unlogische Menüstrukturen sind die dröge Realität. Das alles will wahnsinnig fancy sein, ruft bei Fahrern unter 40 aber oft höchstens Kopfschütteln hervor.

Genauso wichtig aber dürfte ein weiterer Grund sein: So gerne man in etablierten Branchen auch im eigenen Süppchen rührt, eines verbindet alte Industrie und moderne Softwaregiganten: Der Argwohn gegenüber Elektrofahrzeugpionier Tesla mit seiner Mixtur aus Startup-Mentalität und Hightech-Antrieb.
Denn der wird in Mountain View zweifellos ebenso misstrauisch beäugt wie in Ingolstadt, München oder Stuttgart. Die Erfolge des einst belächelten Elon Musk sind kaum noch zu leugnen, und so darf man die Integration von Apple und Google in moderne Fahrzeuge wohl auch als stille Allianz gegen den ungeliebten Dritten verstehen!

Was lange währt, wird endlich gut.

Es wird also Wirklichkeit: Android wird automobil. Immer mehr Hersteller kündigen kommende Fahrzeuggenerationen von vornherein mit Android oder Apples Carplay an – und machen sie damit fit fürs App-Zeitalter. Gut so. Alles andere wäre nicht mehr zeitgemäß. Wozu eigene Betriebssysteme entwickeln, wenn es kaum mehr braucht als eine Schnittstelle zu den flexibelsten Systemen weltweit? Den Nutzer wird’s freuen. Mit Android Auto erhält er fortan Zugriff auf Bordsensoren und Systeme wie GPS, Kompass, Lautsprecher und Freisprecheinrichtung. Und dabei wird es nicht bleiben. Praktisch außerdem: Der Nutzer behält die Kontrolle über seinen App-Katalog. Denn bei Android Auto dient das Fahrzeug in erster Linie als Abspielgerät und Informationslieferant, während das Smartphone die eigentliche Plattform bleibt. Eines wird deutlich: Android Auto und Carplay beenden ein träges Zwischenspiel – und wer weiß, vielleicht wird aus der Symbiose am Ende ja sogar eine Synthese.

Fazit: Immerhin, die Old Economy, sie lernt dazu.

Welche Hersteller Android Auto für ihre Modellpalette angekündigt haben, erfahrt Ihr bei Androidcentral

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